14.04.2020 / komba gewerkschaft nrw

komba reportage: Jugendgerichtshilfe - ein Job mit vielen Facetten

© Laura Carciotto
© Laura Carciotto

Christina Wallbaum ist Fachdienstleiterin der Jugendgerichtshilfe in Bonn. Kein Tag gleicht für sie und ihr Team dem anderen. An der Schnittstelle zwischen verschiedenen Akteuren gilt es, die Perspektive der Jugendgerichtshilfe zu vertreten.

Jugendliche und Heranwachsende zwischen 14 und 20 Jahren sind die Zielgruppe von Christina Wallbaum. Die studierte Sozialarbeiterin hat es sowohl mit jungen Menschen zu tun, die ein oder zweimal mit dem Gesetz in Konflikt treten, als auch mit solchen, die öfter in Erscheinung treten. „Jugendkriminalität ist nicht ungewöhnlich. In den meisten Fällen verfestigt sich das jedoch nicht. Die verhältnismäßig geringe Anzahl an intensiven Fällen ist hingegen oft geprägt von multiplen Problemlagen. Von Drogenkonsum bis hin zu massiven Suchtproblemen, Gewalterfahrungen und Obdachlosigkeit ist alles dabei“, berichtet Christina Wallbaum.

Es gibt in der Praxis dann verschiedene Möglichkeiten, auf die Jugendlichen einzuwirken: Trainings im Bereich Sozialkompetenz, eine intensive und enge Betreuung, eine  Unterbringung außer Haus oder als letztes Mittel, wenn alle Versuche fehlgeschlagen sind, kann ein Gefängnisaufenthalt in Betracht kommen. Die Entscheidung über die notwendigen Maßnahmen war lange Zeit Alltag für Christina Wallbaum. Mittlerweile ist sie Fachdienstleiterin und hat weniger direkten Kontakt zu Klienten.

„Schauen, dass der Laden läuft“
Mit diesen Worten beschreibt sie ihre Aufgaben als Leiterin der Jugendgerichtshilfe. Das dieser Satz das Aufgabenspektrum genau trifft, merkt man, wenn Christina Wallbaum tiefere Einblicke in ihre Tätigkeiten gibt. Und das sind eine Menge. Inhaltlich gehört die Erarbeitung von Konzepten für den Fachdienst genauso dazu wie das Vorantreiben und Konzipieren neuer Projekte. Teil ihres Jobs ist es außerdem, neue Gesetze und Vorgehensweisen umzusetzen. „Seit Januar gibt es eine Änderung im Jugendgerichtsgesetz, die unsere Arbeitsabläufe verändert. Die Jugendgerichtshilfe wird deutlich früher und umfangreicher tätig als bisher. Das muss mit den beteiligten Behörden wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht abgestimmt und ein praktisches Vorgehen erarbeitet werden“, berichtet Christina Wallbaum, die parallel an einer Hochschule in Köln Soziale Arbeit unterrichtet.

Darüber hinaus gilt es, mit Kooperationspartnern Projekte voranzutreiben. Mit freien Trägern wird regelmäßig über Maßnahmen wie Trainingskurse, Betreuungsweisungen oder Beratungsangebote gesprochen. In engem Kontakt steht sie darüber hinaus zu Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht und Bewährungshilfe. Ein kontinuierlicher Austausch, die Mitarbeit in Projektgruppen und an Kooperationsvereinbarungen sind hier Alltag.

Das dritte Aufgabenfeld liegt im Verwaltungsbereich. Denn natürlich ist sie als Leiterin auch mit Personalverantwortung ausgestattet und mit organisatorischen Themen beschäftigt.

Herausforderungen angehen
All diese verschiedenen Aufgaben und damit verbundene unterschiedliche Interessenslagen können herausfordernd sein. „Es gibt Vorgaben, die das Gesetz bestimmt, Vorgaben, die die Leitungsebene des Amtes und der Stadtverwaltung geben, und es gibt Wünsche und Bedürfnisse der Mitarbeitenden. Das ist manchmal durchaus gegenläufig. Ich kann die Anliegen meines Teams mitunter besser verstehen und vertreten als manch eine Entscheidung von oben. Dennoch gehört auch das zu meinem Beruf dazu“, berichtet sie.
 
Eine aktuell große Herausforderung ist die Einarbeitung von sechs neuen Mitarbeitenden. Da sind Christina Wallbaum und die drei bereits erfahrenen Teammitglieder voll gefragt. Auch wenn es bei ihr derzeit keinen Grund zum Klagen über Fachkräftemangel gibt, weiß sie, dass es schwierig sein kann, qualifiziertes Personal zu gewinnen. „Ich nehme generell eine große Fluktuation wahr und stoße immer wieder auf unbesetzte Stellen, deren Arbeit von anderen aufgefangen werden muss. Das Pensum wird ja nicht weniger, deswegen steigt die Belastung oftmals. Das geht auf Dauer an die Substanz jedes Einzelnen“, weiß sie.

Arbeit ist auch Leidenschaft
Was macht Christina Wallbaum, um von dem anspruchsvollen und stressigen Job Abstand zu gewinnen? „Die meisten Fälle und Herausforderungen kann ich ganz gut auf der Arbeit lassen. Aber manchmal gibt es eben doch den einen oder anderen Gedanken, der mich so schnell nicht loslässt. Besonders, wenn es um die Schicksale junger Menschen geht.“ In solchen Augenblicken stehen Reisen und Sport ganz weit oben auf der Liste.

Für Christina Wallbaum ist klar, dass ihre Arbeit eben nicht nur irgendeine Arbeit, „sondern auch Leidenschaft“ ist. Sozusagen eine Berufung. Allerdings eine von der Sorte, die gute Arbeits- und Rahmenbedingungen gleichermaßen erfordert. Mehr Infos: www.unsere-berufung.de

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